Der Justizpalast in Brüssel. Ein beeindruckendes Gebäude. Der größte Justizpalast des 19. Jahrhunderts. Gebaut als Ausdruck der Macht und der Würde der 3. Gewalt und der Rechtsstaatlichkeit im föderativen belgischen Staat. Seit 1984 ist die Kuppel mit einem Gerüst umschlossen. Inzwischen ist das erste Gerüst selber baufällig und wird von einem zweiten Gerüst umschlossen. Als Referent Ralf Knobloch davon berichtet, bereitet sich eine gewisse Ungläubigkeit, später Heiterkeit im Saal aus. Ja, als Belgier und Belgierin müsse man einen gewissen Hang zum Surrealismus haben, fügt Herr Knobloch hinzu.

 Damit sind wir auch schon fast am Ende eines inspirierendes, hoch informativen und zugleich sehr spannenden und mitunter humorigen Abends über das politische System Belgiens, dass in seiner Komplexität trotzdem nur ansatzweise behandelt werden kann. So können wir auch nur ansatzweise erahnen, wie schwierig es ist, Kompromisse zu finden, zwischen verschiedenen Sprachgruppen, zwischen Bundesregierung und den Regierungen der einzelnen Regionen und wie sehr das belgische politische System auf die Kompromisswilligkeit seiner Akteure angewiesen ist. Nicht nur darin sei es dem deutschen föderativen System sehr ähnlich, auch das Grundgesetz habe die belgische Verfassung als fundamentale Inspiration genutzt, z.B. bei der zentralen Rolle der Menschenrechte in beiden Texten.

 Brüssel sei ein Abbild dieses Föderalismus, denn es bestehe aus 19 unabhängigen Gemeinden. Auch hier sei es daher hoch komplex z. B. Infrastrukturprojekte wie den U-Bahnbau voranzutreiben, die über Gemeindegrenzen hinaus gehen.

 Die große Sympathie des Referenten für dieses immer um Lösungen ringenden Landes ist für das Publikum auch dann deutlich spürbar, als er dazu einlädt, in Brüssel nicht nur die typisch touristischen Viertel zu besuchen, sondern auch die stark von Einwanderern aus Marokko und dem Kongo geprägten Viertel nicht auszusparen. Sie würden von einem vitalen migrantischen Leben geprägt, das so in Europa einzigartig sei. Wirkliche No-Go-Areas gebe es dagegen nicht.

 

Zum Schluss reißt er noch die Bedeutung Europas und der Nato für Brüssel an. Europa, das viel gescholtene Europa, sei keineswegs das Bürokratie-Monster, dass man ihm unterstelle, sondern habe vielmehr auch für Belgien eine gewisse Stabilität, vor allem aber Jahrzehnte des Friedens garantieren können.

 

Die Zuhörerschaft ist von der schieren Masse von 2 Stunden geballter Information zunächst so überwältigt, dass es etwas dauert bis man sich gesammelt hat und erste Fragen gestellt werden. Am Ende entwickelt sich doch noch ein reges Gespräch. Danach gehen wir bereichert in die Nacht hinaus, ein Teil der Zuhörerschaft lässt den Abend noch im Tutzinger Hof nachwirken.